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Die Arbeit mit dem Körpermonochord in der Musikpsychotherapie:
Auszug des Vortrages von Sabine Rittner, Musikpsychotherapeutin in der Psychosomatischen Universitätsklinik Heidelberg, anläßlich des 2.Internationalen Kongresses des Europäischen Kollegiums für Bewusstseinsstudien.
Beim Körpermonochord oder dem sog. "Somachord", wie es sein Erbauer nennt, handelt es sich um eine Weiterentwicklung des einfachen Monochordes. gebaut in Form von einer einfachen Bank, ist es an der Unterseite mit 26 gleichlangen, genau gleich gestimmten Saiten bespannt und so gebaut, dass während des Spiels eine weitere Person darauf liegen kann.
In meinem psychotherapeutischen Setting beziehe ich dieses äußerlich so schlicht erscheinende Instrument dann ein, wenn mir der Klangarchetypus, d.h. der projektive Bedeutungshof des Klanges situativ geeignet zu sein scheint und auch erst dann, wenn eine tragfähige Beziehung zum Patienten besteht. Auf das Stimmen des Instrumentes - die metaphorisch-klangliche Einstimmung- folgt, nachdem der Patient oder die Patientin sich auf das Instrument gelegt hat, eine verbale Einstimmung. Diese kann je nach therapeutischer Situation sehr unterschiedlich aussehen: - eine kurze Entspannung, z.B. über den Atem, - eine verdichtete Fokussierung bezogen auf das aktuelle Thema - oder auch die Induktion eines tiefen Trance-Zustandes. Dabei fließen hypnotherapeutische und körperorientierte Verfahren ein.
Während ich spiele, halte ich in therapeutischen Situationen, in denen es mir sinnvoll erscheint, einen kontinuierlichen verbalen Kontakt zum Patienten und begleite ihn (oder sie) schützend, strukturierend oder lösungsorientiert anregend auf seiner Expedition in andere Wirklichkeiten. Manchmal singe ich auch improvisierend dazu, was meiner Erfahrung nach im Verbund mit dem unstrukturierten Monochordklang häufig eine nachnährend matrizentrische Dimension des Erlebnisses fördert.
Hier einige schriftliche Spontanäußerungen von Seminarteilnehmerinnen -in diesem Fall waren es Krankenschwestern- nach einer derartigen Ganzkörper-Klang-Erfahrung:
- "Freifliegen, träumen, ruhig, unendlich, schwingen, Strom, Meer, Wellen."
- "Ein Wärmegefühl im ganzen Körper; man spürt sein eigenes Gewicht nicht mehr."
- "Sonne, rot, Unendlichkeit, Licht, Ruhe."
- "Kreisende Bewegungen, Mitte in einem Raum von Tönen, Unendlichkeit."
- "Schweben im Raum, schwerelos, Milchstraßennebel, Planeten kreisen langsam im Universum."
- "In einer grauen Höhle, in der Mitte Wasser und Lichterscheinungen, drängen mich heraus.-Unwillkommen."
- "Es sind Wellen, die durch den ganzen Körper gehen. Mir war fast zum Weinen zumute."
- "Eintauchen in warmes, aber dunkles Wasser, umspült werden, ganz leicht werden, sich geborgen fühlen und wälzen darin. Dennoch das Bedürfnis, wieder raus zu wollen."
- "Von Tönen eingehüllt wie in einem Kokon ..."
Strobel schreibt dazu: "Bei den Antworten auf den Monochord-Klang handelt es sich um paradiesische, ozeanische oder kosmische Gefühle von entgrenzt-, bedürfnislos, getragen-, aufgehoben oder verschmolzen-sein, also letztlich um Einssein mit allem und das gleichzeitige Allessein. Die Wortverbindungen Einssein, Einigsein, Innesein, Innigkeit lassen verstehen, weshalb dieses Gefühl der Grenzenlosigkeit gleichzeitig auch Sichgetragenfühlen und Geborgenheit beinhaltet." (Strobel 1988, S.123 ). Die Widersprüchlichkeit zwischen Auflösung der Körperlichkeit in Form von sog. "ozeanischer Selbstentgrenzung" und gleichzeitigem Getragen- und Gehaltensein kann in dieser Erfahrung überwunden werden (ders. 1992, S.102).
Phylogenetisch betrachtet, entspricht der Klangarchetyp des Monochordes der archaischen Bewusstseinsstruktur des Menschen, in ontogenetischer Hinsicht ist er der intrauterinen Entwicklungsphase zuzuordnen. Wie Sie vielleicht wahrgenommen haben, war aus den oben erwähnten Spontanreaktionen auf den Klang davon einiges herauszuhören. "Grof spricht in diesem Zusammenhang von der perinatalen Matrix I, die er als amniotisches Universum, als Ureinheit mit der Mutter charakterisiert. Da die Mutter in dieser Zeit noch kein abgegrenztes Gegenüber darstellt, sondern Umwelt schlechthin meint, bedeutet dies auch die Ureinheit mit der Welt bzw. mit dem Kosmos"' (in Strobel 1992, S. 103).
An dieser Stelle möchte ich Sie auf einen kurzen Ausflug in die Ethnologie mitnehmen: Die Kogi leben in der küstennahen, unzugänglichen Sierra Nevada Kolumbiens. Sie sind einer der letzten präkolumbianischen Stämme Südamerikas, die sich trotz härtester Verfolgung ein intaktes, hochgradig organisiertes Sozialsystem erhalten konnten. Ihr Überleben verdanken sie vornehmlich der geistigen und sozialen Führung durch die sog. Mamas, die Weise, Priester, Heiler, Erzieher und Schamanen in einem sind. Diese Mamas werden in einer für unseren westlich geprägten Verstand unfassbaren Weise erzogen und ausgebildet. Ich zitiere den Originalbericht eines Mamas:
"Der zukünftige Mama (...) wird - im Idealfall von Geburt an - als Wesen anderer Art denn der Rest der Menschheit aufgezogen. Sein Geist muss auf die Geisterwelt, aluna, eingestimmt werden, und der Kontakt mit der stofflichen Welt bleibt auf jenes Minimum beschränkt, das absolut unerlässlich ist, um die Aufrechterhaltung der Lebensfunktionen zu sichern und das Verkümmern der sinnlichen Wahrnehmung zu verhindern". Konkret bedeutet dies, dass der Säugling direkt nach seiner Geburt 9Jahre lang (im Einzelfall sogar bis zu 20 Jahre lang.) in einer unbeheizten, fast dunklen Höhle oder einem abgedunkelten Zeremonialhaus lebt, vor der Tür behütet von einem Cabo, der es beschützt und im permanenten geistigen Kontakt mit dem Kind steht. Die Mutter stillt das Kind nur während der Nacht, massiert es, reibt es, dann wird es zurück in die Höhle gebracht. Mit 4 Jahren wird es entwöhnt. Es erhält ein Minimum an Nahrung, ausschließlich weißer Nahrung. "Es wird größer, und dann fängt es an zu singen. Von ganz allein fängt es an zu singen. "Wenn es älter geworden ist, gehen sie dazu über, es nachts ins Freie zu bringen, dabei hat es immer eine Schutzmatte aus Stroh über dem Kopf". Im Freien lernt das Kind, Opfer darzubringen, "und er redet in aluna mit den Vätern und mit den Herrschern der Welt." Einzig die Welt, die vor sein inneres Auge tritt, steht seinem Sinn offen. Und dann beginnt dieses Kind, das in der Geisterwelt aufgezogen wurde, die innere Musik des Kosmos zu vernehmen und im Einklang mit dem Gehörten zu agieren. Es beginnt zu tanzen.“ "Er tanzt, tanzt, tanzt im Spiel (...) und seine Mutter singt ihm vor und dann wird er wieder eingeschlossen. „Er“ lernt von selbst, die Mamas lehren ihn an für sich nichts, er lernt durch seine eigene Aufmerksamkeit, durch Aufmerksamkeit im Geist. Das Wissen wächst ihm in aluna zu. „Einige dieser Kinder“ sind als Heranwachsende im Stand überweltlicher Einfalt, die späterhin dazuführt, dass sie zu echten Mamas reifen. " (Ereira 1993, S. 164-168).
Dieser um 9 Jahre verlängerte Aufenthalt im Uterus der Mutter Erde, diese Erziehung mithilfe einer extremen Form von sensorischer Deprivation führt nicht zu Debilität oder einem „Kaspar Hauser Syndrom“, wie man auf den ersten Blick vermuten könnte. Im Gegenteil werden auf diese Weise Mamas herangebildet, die fest mit der Erde verwurzelt über einen Zeitraum von nunmehr 1500 Jahren den Stamm der Kogi durch alle politischen, sozialen und ökologischen Katastrophen zu führen vermochten und die gleichzeitig im permanenten Kontakt mit den anderen Wirklichkeiten der geistdurchdrungenen Natur stehen. Um mich nochmals auf Grof zu beziehen: Für diese Mamas wird sozusagen -ethnopsychologisch betrachtet- die Trennung zwischen der Ureinheit mit der Mutter, der Natur, der Erde und dem Kosmos nie vollzogen. Diese Nicht-Trennung wird als Voraussetzung zum Erreichen der höchsten Entwicklungsstufe geistiger Entfaltung angesehen, was interessanterweise dem europäischen Konzept menschlicher Entwicklungsstufen, wie sie beispielsweise Piaget postulierte, diametral entgegensteht. Dies ist für mich eines der eindrücklichsten Beispiele aus der Ethnologie, das veranschaulicht, wie eng Körper- und Bewusstseinsentwicklung miteinander verflochten sind.
Aber lassen Sie uns zum Körpermonochord zurückkehren. Der ganz besonders obertonintensivierte, schwebende, richtungslos einhüllende Klang des Instrumentes vermag also verborgene, allerfrüheste vorsprachliche pränatale Erinnerungen aktivieren. Darüber hinaus intensivieren die körperliche Übertragung der Vibrationen über die Haut, von den Füßen bis zum Kopf, und die unmittelbare Aufnahme des Klanges über die Knochenleitung die Wiederbelebung der Empfindungen aus dem allerfrühesten Klangraum, der den Menschen umgibt. Physiologisch lässt sich vermuten, dass der Fetus nicht nur über das ab der 16. Schwangerschaftswoche entwickelte Hörorgan, sondern ebenfalls über die gesamte Körperoberfläche Schwingungen des Fruchtwassers empfängt, die durch die verschiedensten Körpergeräusche der Mutter, durch Körperresonanzen ihrer Stimme sowie durch Klang- und Geräuscheinflüsse von außen zustande kommen. Da der Fetus sich mit zunehmender Größe im Uterus an die Wirbelsäule der Mutter anschmiegt, werden vermutlich über diesen ersten direkten Körperkontakt zusätzlich tiefere Frequenzen über die Knochenleitung seines Rückgrats übertragen.
Nicht jeder erlebt das Körpermonochord jedoch als lustvoll-regressionsfördernd. Ein Beispiel aus der Therapie: Ein frühgestörter, schwerst depressiver und akut suizidgefährdeter Patient liegt weinend auf dem Monochord, während meine Hände über die Saiten streichen und ich phasenweise dazu eine einfache, grundtonumspielende Melodie singe. Im Gespräch zuvor war es um das Thema "Wertlosigkeit" und das Gefühl des "Nicht-gewollt-Seins auf dieser Welt" gegangen. Nach etwa 20 Minuten des Spiels fordere ich ihn behutsam auf zu sprechen: Er sieht sich als. Säugling in einem Plexiglas-Kasten sitzend, sein Thorax ist weit aufgerissen und blutet. Seine frühere Freundin versucht vergeblich, den schweren Deckel des Kastens beiseite zu schieben. Als ich ihn anrege, etwas Heilsames durch den schließlich entstandenen Spalt im Deckel hineinzulassen, erinnert er sich an einen kleinen Stoffelefanten mit Namen "Alexander", den er vor kurzer Zeit von einem lieben Menschen geschenkt bekam: den legt er sich jetzt auf sein aufgerissenes Herz und deckt es damit schützend zu. Der nachfolgende Prozess des Malens im Übergang zwischen Trancezustand und Wachbewusstsein sowie die Bearbeitung im Gesprächfestigen für den Patienten dieses nachnährende Erlebnis. Die in der Klangtrance mit dem Monochord durch spontane Altersregression wiederbelebten frühesten Deprivationserfahrungen aus der Säuglingszeit konnten Von ihm mit Hilfe von aktiv hypnotherapeutischen Interventionen in einem Zeitensprung mit einer tröstenden, heilsamen Ressource aus dem Heute verknüpft werden.
Menschen, die nicht willkommen waren, die Abtreibungsversuche überlebten oder schwere Krankheiten ihrer Mutter, aber auch solche Menschen, die in der symbiotischen Phase des "sozialen Uterus" nach der Geburt vernachlässigt oder abgelehnt wurden, berichten häufig von alptraumhaften Bildern, die sie während der Monochord-Erfahrung heimsuchen. Sie erleben ein lebensbedrohliches Gefühl des Ausgeliefert-Seins, des Verschlungen- oder Verletzt - Werdens, des Bodenlos-Fallens, des Mangels an Kontrolle. Es findet eine Reaktivierung früher Traumata statt in Verbund mit einer sog. "angstvollen Ich-Auflösung" (vgl. Dittrich 1985), die gleichzeitig kennzeichnend sein kann für den Übergang in einen veränderten Bewusstseinszustand. Im geschützten psychotherapeutischen Setting können diese Gefühle nach der Reaktivierung nun der Bearbeitung zugänglich werden. Es handelt sich um eine sehr nahe, klangliche und körperlich-sinnliche Berührung des Menschen vor mir, jedoch ohne unmittelbaren Körperkontakt. Dies kann für die achtsame Gestaltung von Nähe und Distanz bei der Arbeit mit früh traumatisierten oder besonders auch mit missbrauchten Patienten und Patientinnen sehr hilfreich sein. Die Einbettung in einen Prozess der nonverbalen und verbalen Aufarbeitung, des Verstehens und der Integration halte ich für außerordentlich wichtig, da in meinen Augen nie ein "Klang an sich" -sozusagen als "musikalisches-Medikament"- wirkt oder heilt. Dieser steht als Form der Intervention immer im untrennbaren Verbund mit dem situativen Kontext und der Beziehung. Vielleicht können Sie nachvollziehen, dass ich aus diesem Grunde einem mechanisierten Einsatz des Körpermonochordes, das neuerdings schon in manchen Arztpraxen den Patienten von der Sprechstundenhilfe im 10 Minuten-Takt verabreicht wird, äußerst skeptisch gegenüberstehe.
Manchmal nehme ich während des Spiels energetische Phänomene oberhalb vom Körper der Patientin oder des Patienten direkt vor mir wahr. Sie ermöglichen mir, Blockierungen zu erkennen, die ich über die gezielte Veränderung meines Spiels subtil zu beeinflussen vermag. Normalerweise spreche ich über diese Dinge nicht, sondern lasse diese Wahrnehmung lediglich in mein Handeln einfließen. Die intuitive Realisation dieses Phänomens vor vielen Jahren versetzte mich anfangs in Erstaunen, bis ich erkannte, dass es sich um nichts anderes als um meine Wahrnehmung der energetischen Felder der Chakren handelte. Erst daraufhin begann ich mich näher für das nur auf den ersten Blick „indische“ Konzept der Energiezentren zu interessieren. In diesem Sinne verstehe ich auch C.G. Jungs Satz, den ich anfangs zitierte, weniger als Mahnung denn als Chance, dass wir potentiell die in östlichen Weisheiten beschriebenen Phänomene alle in uns selbst aufzuspüren vermögen.
Anmerkung:
Erbauer des „Somachord“- Körpermonochordes: Hans Peter Klein, Beekweg 5, 37136 Seeburg
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